Interview mit Stefan Gauerke, CEO und Gründer von ENIM, über Energie als demokratische Infrastruktur, regionale Souveränität und den Ausbau von Energiegemeinschaften in ganz Europa
„Energie ist nicht neutral.“
Warum Europa an Legitimität verliert – nicht nur an Preissicherheit. Stefan Gauerke
Energie als Demokratie: Übertreibung?
Herr Gauerke, Sie sprechen über Energie, als ginge es um Demokratie. Ist das nicht übertrieben?
Nein. Energie ist die physikalische Grundlage der Handlungsfähigkeit.
Das ist ein Satz. Aber die Leute wollen wissen: Warum gerade jetzt?
Denn wir haben gesehen, was passiert, wenn das Versprechen von „stabiler, bezahlbarer und sicherer“ Energieversorgung scheitert. Strom wird dann sofort zum Industriepolitikthema. Ich sehe, wie mittelständische Unternehmen ihre Investitionen einfrieren, weil die Energiekosten nicht mehr vorhersehbar sind. Dann ist Energie keine Selbstverständlichkeit mehr – sie wird zu einem Risiko, das jede Strategie bestimmt.
„Machtfrage“ klingt nach Pathos.
Das ist die tägliche Realität. Wenn die Preise innerhalb weniger Monate stark schwanken, schwindet das Vertrauen. Und ohne Vertrauen wird die Infrastruktur politisch instabil.
Wir befinden uns also nicht in einer Energiekrise, sondern in einer Systemkrise?
Genau. Energie ist einfach der sichtbarste Riss.
Warum zentralisierte Energiesysteme gesellschaftlich scheitern – selbst wenn sie technisch funktionieren
Zentralisierte Systeme haben Europa aufgebaut. Warum sollten sie „sozial scheitern“?
Weil ihre Voraussetzungen wegfallen.
Welche genau?
Erstens: stabile Lieferketten. Zweitens: vorhersehbare Kostenentwicklung. Drittens: Toleranz gegenüber großen Entfernungen. Und das ist keine rein theoretische Frage – in Gesprächen höre ich nicht mehr „Wie günstig?“, sondern „Wie krisenfest ist das Unternehmen?“ Dieser Wandel ist grundlegend.
Entfernung? Erklären Sie das ohne Theorie.
Diejenigen, die Entscheidungen treffen, sitzen weit weg. Diejenigen, die bezahlen – und die Konflikte tragen – sitzen ganz nah.
Das ist polemisch.
Es ist präzise. Regionen bringen Sichtbarkeit, Genehmigungsverfahren, Einwände und oft die Folgen des Netzausbaus mit sich – während die Regeln der Wertschöpfung extern festgelegt werden. Und Importabhängigkeit bedeutet Verwundbarkeit. In Krisen ist das Risiko oft asymmetrisch verteilt. Wenn Menschen auf bloße „Endpunkte“ reduziert werden – zahlen, schweigen, weiterzahlen –, wird das System politisch angreifbar.
Von wem angreifbar?
Wer auch immer eine einfache Antwort auf berechtigten Ärger anbietet – egal ob links oder rechts –, der greift ein. Das ist gefährlich, denn es zerstört Vertrauen, und Vertrauen ist die eigentliche Währung einer funktionierenden Infrastruktur.
Energiegemeinschaften: Romantische Nische oder demokratische Infrastruktur?
Energiegemeinschaften werden oft als nette Bürgerprojekte vermarktet. Sie behaupten, sie seien die nächste Systemebene. Warum?
Weil sie drei Ziele gleichzeitig erreichen: Dekarbonisierung, Resilienz und Teilhabe.
Das sagen viele. Worin liegt der Unterschied zwischen Prospekt und Realität?
Die Realität sieht so aus: Die Wertschöpfung bleibt in der Region. Die Verantwortung ebenfalls. Und Entscheidungen werden nachvollziehbar – bis hin zur Frage: Wofür bezahle ich eigentlich, und was verändert die lokale Energieerzeugung tatsächlich?
Bedeutung?
Energie wird zu einer Beziehung – zwischen Erzeugung und Nachfrage, Land und Nutzen, Kapital und Gemeinwohl. Nicht nur zu einer Rechnung. Wenn Bürgerinnen und Bürger transparent sehen, wie Tarife zustande kommen, warum Netzkosten entstehen und wo lokale Produktion tatsächlich zu einer Stabilisierung der Versorgungslage beiträgt, ändert sich die Diskussion schlagartig. Misstrauen wandelt sich in die Bereitschaft zur Mitgestaltung.
Das klingt nach Kultur.
Das ist es. Die Energiewende ist eine gesellschaftliche, nicht in erster Linie eine technische.
Landwirte und Kommunen: die unterschätzten Systemakteure
Warum stellen Sie die Landwirte in den Mittelpunkt?
Weil sie die systemische Stabilität – Boden, Wasser, Landschaft – gewährleisten.
Das klingt großartig.
Landwirte stehen in Europa vor den größten Herausforderungen: produktiver, nachhaltiger, widerstandsfähiger und kostengünstiger – und das alles gleichzeitig. Energiegemeinschaften bieten ihnen eine zweite Grundlage: stabile regionale Einnahmen anstelle der alleinigen Abhängigkeit von den Weltmärkten. Letztendlich geht es auch um die Hofnachfolge. Die entscheidende Frage lautet oft: Kann ich meinen Betrieb so stabilisieren, dass die nächste Generation ihn übernehmen möchte – ohne dass jedes extreme Wetterereignis und jeder Preisschock das Lebenswerk bedroht?
Und die Gemeinden?
Kommunen brauchen Planbarkeit. Nicht nur Vermögenswerte. Planbarkeit bedeutet: lokale Wertschöpfung, klare Regeln, echte Mitentscheidung.
Und die Bürger?
Raus aus der Konsumentenrolle. Hin zur gemeinsamen Gestaltung: gemeinsam entscheiden, gemeinsam tragen, gemeinsam profitieren – und auch gemeinsam Verantwortung übernehmen.
Konfliktbild: wenn „alle dafür sind“ – bis es Realität wird
Seien wir ehrlich: Energiegemeinschaften scheitern in der Praxis. Nicht weil die Idee schlecht ist, sondern wegen der beteiligten Personen. Konflikte. Neid. Bürokratie.
Ja. Und genau da zeigt sich, ob daraus eine Bewegung wird – oder nur ein Konzept.
Schildern Sie mir den Konflikt realistisch. Keine Namen. Keine PR.
Typische Situation: Eine Gemeinde möchte regionale Energie, ein Bauernhof kann Land zur Verfügung stellen, die Bürger wollen günstigeren Strom. Dann stößt man auf das Problem: Die Netzkapazität ist begrenzt, der Anschluss dauert, die Kosten steigen. Plötzlich fragt jemand: „Warum zahlen wir für den Netzausbau?“ Ein anderer: „Warum bekommt der Bauer mehr?“ Ein Dritter: „Warum sollen wir investieren, wenn wir gar nicht mitentscheiden dürfen?“ Und ein Vierter sagt: „Ich will keine Anlage in meiner Sichtlinie.“
Und dann geht es kaputt.
Wenn es an guter Regierungsführung mangelt, ja. Wenn Regeln erst am Ende eingeführt werden, ist es zu spät.
Was bedeutet Governance hier konkret?
Drei Dinge – und alle drei sind praktisch. Erstens ein fairer Verteilungsmechanismus, der Nutzen und Risiko miteinander verknüpft. Zweitens ein Entscheidungsprozess, der auch dann handlungsfähig bleibt, wenn nicht alle zustimmen. Drittens Transparenz: Abrechnung, Zölle, Rechte, Pflichten.
Das ist immer noch abstrakt. Wie sieht „handlungsfähig“ konkret aus?
Wir legen im Vorfeld fest, welche Entscheidungen eine qualifizierte Mehrheit erfordern, welche operativ delegiert werden und welche Grenzen – beispielsweise Transparenz und Risikoteilung – nicht verhandelbar sind. Wir definieren einen klaren Konfliktlösungsweg: Moderation, Mediation, Eskalation – und einen Punkt, an dem eine Entscheidung getroffen wird. So wird aus Emotionen eine verhandelbare Realität.
Und was passiert, wenn mich jemand trotzdem blockiert?
Dann brauchen Sie Konfliktfähigkeit. Nicht Marketing. Und manchmal auch eine klare Grenze: Wer nur profitieren will, ohne Verantwortung zu übernehmen, passt nicht ins Modell.
„Erlaubt“ ist nicht gleich „ermöglicht“: Wo Europa noch immer versagt
Europa hat durch Regulierungen Energiegemeinschaften geöffnet. Also los! Warum passiert das nicht überall?
Denn „legal“ ist nicht gleichbedeutend mit „machbar“
Beton.
Netzanschluss, Messkonzepte, Abrechnung, Ausgleich, Finanzierung, Landnutzung, Abnahme. Fragmentiert. Komplex. Zeitaufwändig.
Klingt nach einer Ausrede.
Das ist der Kern. Und es gibt eine typische Engpasskette: Zuerst hängt alles von der Verbindung und der Netzkapazität ab, dann vom Messkonzept, dann vom Ausgleich und der Abrechnung. In der Praxis ist es oft nicht die Erzeugung selbst, sondern dieses Zusammenspiel, das Monate kostet – und Vertrauen, Zeit und Geld aufzehrt.
Dann sagen viele: „Na schön – dann soll sich eben der Energieversorger darum kümmern.“
Und dann ist die Chance vertan. Denn Teilnahme bleibt nur ein Etikett.
Warum?
Weil die Komplexität dann zentral „wegmanagt“ wird – und damit auch die lokale Souveränität verschwindet.
Was wir international lernen – und warum Europa anders vorgehen muss
Sie sprechen von globalen Best Practices, ohne dabei Namen zu nennen. Was kann Europa realistischerweise daraus lernen?
Drei Lektionen.
Kurz. Und bitte keine Slogans.
Erstens: Vertrauen entsteht durch Mitbestimmung. Sobald Menschen einen nachvollziehbaren Anteil haben – und nicht nur eine Rechnung sehen –, schwindet das Misstrauen, denn sie sind nicht länger Objekte des Systems, sondern Subjekte darin. Zweitens: Systeme skalieren, wenn Prozesse standardisiert sind – nicht, wenn jedes Projekt neu erfunden wird. Standardisierung ist keine Bürokratie; sie vereinfacht die Teilhabe. Drittens: Soziale Akzeptanz ist kein Nebenprodukt, sondern eine entscheidende Gestaltungsgröße. Fehlt sie von Anfang an, zahlt man am Ende den Preis in Form von Verzögerungen, Rechtsstreitigkeiten und Kosten.
Und warum kann Europa das nicht einfach kopieren?
Weil Europa dichter besiedelt, regulatorisch pluralistischer und sozial heterogener ist. Unterschiedliche Strukturen, Kompetenzen, Kulturen und Rechtsräume. Skalierung muss hier „föderal“ erfolgen: im Kern standardisiert, bei Entscheidungen lokal souverän.
Also kein Bauplan – sondern eine Architektur.
Genau. Nicht kopieren – übersetzen.
ENIM als Systemarchitekt: Skalierung ohne Kolonisierung
Nun zu ENIM. Was machen Sie anders als klassische Projektentwickler?
Wir bauen nicht nur Vermögenswerte. Wir bauen das System, das Vermögenswerte in Gemeinschaften verankert.
Und wieder einmal: große Worte. Ein Satz, der es beweist.
Wir standardisieren, was wiederholbar ist – und halten Eigentum und Entscheidungsfindung lokal.
Was bedeutet „wiederholbar“ im realen Leben?
Ein wirklich praxistaugliches Paket: Unterstützung bei der Einbindung und Strukturierung der Gemeinde, ein Rollen- und Entscheidungsmodell, Standardverträge, eine tragfähige Finanzierungsstruktur und eine digitale Betriebsplattform für zuverlässige Abrechnung und Transparenz. So muss eine Kommune das Rad nicht neu erfinden – und behält gleichzeitig die Kontrolle.
Plattformlogik also. Ist das nicht letztendlich auch Zentralisierung?
Nein. Eine Plattform bedeutet: weniger Komplexität, mehr Transparenz, schnellere Umsetzung – bei gleichzeitiger Wahrung der lokalen Souveränität. Zentralisierung bedeutet: Die Kontrolle geht verloren. Sie spüren den Unterschied im Alltag.
Wie empfindest du es?
Wenn die Gemeinde nicht fragt, entscheidet sie. Wenn Bürger nicht hoffen, wählen sie. Wenn Landwirte nicht „liefern“, gestalten sie mit. Und wenn Finanzierung nicht gegen die Region läuft, sondern ihr dient.
Fairness: die unsichtbare Bedingung für Skalierung
Sie reden viel über Beteiligung. Am Ende geht es ums Geld. Wer bekommt wie viel?
Genau. Und deshalb ist Fairness keine moralische Frage – sondern eine Frage der Stabilität.
Was bedeutet „fair“?
Nutzen, Risiko und Entscheidungsfindung müssen Hand in Hand gehen. Wenn einer entscheidet und ein anderer die Kosten trägt, scheitert die Vereinbarung. Wenn einer profitiert und ein anderer die Konflikte austrägt, scheitert die Vereinbarung. Gut funktionierende Energiegemeinschaften gestalten die Verteilung transparent und verhandelbar.
Und die Investoren? Die wollen Rendite. Punkt.
Anleger wünschen sich in erster Linie Stabilität.
Das klingt nach Ausweichen.
Das Gegenteil ist der Fall. Stabilität bedeutet: verlässliche Cashflows, kontrollierte Governance-Risiken und reduzierte Akzeptanzrisiken. Akzeptanz ist kein weicher Faktor, sondern ein harter Risikofaktor: Verzögerungen, Rechtsstreitigkeiten, Netzanschlussrisiken. Das wirkt sich direkt auf die Finanzierung aus. Legitimität ist daher kein Ideal, sondern eine Voraussetzung für Bankfähigkeit.
Zukunft: Europas Neugestaltung von Energie und Land
Was wird in den nächsten zehn Jahren entschieden werden?
Ob Europa in Energieangst gefangen bleibt – oder in die Verantwortung hineinwächst.
Wieder groß.
Es ist eine große Sache. Und die Entscheidung wird vor Ort fallen.
Wie so?
Nicht ein einzelnes Megaprojekt wird Europa retten, sondern Tausende regionaler Entscheidungen, die sich summieren: Kommunen, Landwirtschaftsbetriebe, Bürger, lokale Unternehmen. Daraus entsteht ein neues Energiesystem – eines, das Wertschöpfung, Verantwortung und Entscheidungsfindung wieder vereint.
Warum ist jetzt der richtige Zeitpunkt?
Denn die alten Gewissheiten sind verschwunden – geopolitisch, wirtschaftlich, klimatisch. Und die Alternativen existieren: Technologie, Kapital, regulatorische Möglichkeiten. Was fehlt, ist eine Implementierungsarchitektur, die sowohl skalierbar als auch lokal verankert ist.
Schlussfrage: Wenn Sie alles auf eine einzige Frage reduzieren müssten?
Die entscheidende Frage lautet nicht mehr: „Wie erzeugen wir Strom?“, sondern: „Wem gehört die Zukunft – und wer gestaltet sie?“
